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Heimwärts Voraus

George Odenberg hat nach dem Tod seiner Frau Ellie mit dem Leben abgeschlossen.

Alle Angelegenheiten sind geregelt, und er ist bereit ihr zu folgen – bis ein mysteriöses Paket ohne Absender seine Pläne durchkreuzt.
Was zunächst wie ein Zufall erscheint, entpuppt sich als Einladung zu einer Reise, die ihn nicht nur an vertraute Orte führt, sondern mitten hinein in seine eigene Vergangenheit.

Und so begibt sich der menschenscheue Griesgram mit dem Wohnwagen, den er einst für Ellie und sich ausgebaut hat, auf eine Fahrt ins Ungewisse – eine Reise, die ihm unerwartete Weggefährten beschert und ihn zurückführt in jene Tage vor über sechzig Jahren, als eine große Liebe begann.

Ein Roman über Abschiede, Erinnerungen und den Mut, sich ein letztes Mal auf das Leben einzulassen.

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Heimwärts Voraus

Kapitel 1

Das Seil lag weich und schwer in seinen Händen, während er behutsam die Schlinge knüpfte, die sein Leben beenden würde. Er war ruhig, beinahe euphorisch. Endlich war der Tag gekommen, an dem er nicht länger würde warten müssen. Und es war ein schöner Tag. Er hatte oft überlegt, wie es wohl sein würde. Ob es ein wolkenverhangener Nachmittag sein würde, ob es regnen oder stürmen würde, ob es gewittern würde. Zur Feier des Tages schien die Sonne. Fast so, als hätte das Wetter ein letztes Mal alle verfügbaren Kräfte mobilisiert, um ihn doch noch umzustimmen. Doch seine Entscheidung war gefallen. Das war sie schon vor langer Zeit.
   Von der Veranda aus konnte er bis zum Ende der Straße sehen, deren Häuser ihm so vertraut waren. Da war das Haus der Dunlops mit den frisch gestrichenen Mauern und dem stets akkurat gemähten Rasen. Daneben wohnte die alte Miss Hartridge in ihrem windschiefen Haus mit dem Baum voller Glasvögel und den klimpernden Windspielen im Vorgarten. Neben ihr Familie Lopez mit ihrer Tochter und dem kleinen kläffenden Köter. Und schließlich direkt gegenüber Harold und Linda.
   In fünfzehn Minuten würde Harold herauskommen und die Post aus dem Briefkasten holen, wie er es an jedem Tag der Woche zu dieser Uhrzeit tat. Zuvor würde der klingende Eiswagen vorbeifahren, damit die kleinen Schreihälse auf dem nahegelegenen Spielplatz ihre tägliche Zuckerration bekamen. Schließlich würde die pummelige Lopez-Tochter mit ihrem Hund die Straße hinunterjoggen, wie sie es seit dem Beginn der Sommerferien regelmäßig tat.
   In einer Nebenstraße mähte jemand den Rasen, und am strahlend blauen Himmel zog brummend eine Propellermaschine an einem einsamen Wölkchen vorbei. Das Leben ging seines Weges, wie es das immer getan hatte und auch weiterhin tun würde. Ob er existierte oder nicht, würde für niemanden einen Unterschied machen.
   Er hatte es bereits bemerkt, nachdem Ellie gestorben war. Natürlich waren die Menschen bestürzt. Sie sprachen ihm ihr Beileid aus, brachten Essen vorbei oder luden ihn zu geselligen Abenden ein. Doch sie taten es aus den falschen Gründen. Letztendlich hofften sie alle, dass er endlich über seinen Verlust hinwegkam, damit sie nicht mehr an ihre eigene Vergänglichkeit erinnert wurden. Er machte ihnen keinen Vorwurf, sie wussten es schließlich nicht besser. Doch es war auch nicht seine verdammte Aufgabe, sich um ihretwillen zu verstellen, nur damit sie sich besser fühlten.
   Das Leben seit Ellies Tod war eine quälend lange Ansammlung von Tagen, einer länger als der andere, und allesamt so grau und schwer, dass er unter ihrer Last nur mit Mühe atmen konnte. Manchmal wachte er morgens auf, und für den Bruchteil einer Sekunde war da diese Leichtigkeit, die er früher immer für selbstverständlich gehalten hatte. Dann glitt seine Hand über das kalte Laken auf der leeren Seite des Bettes, und ihm fiel alles wieder ein.
   An manchen Tagen las er im Vorbeigehen am Kiosk die Schlagzeile einer Zeitung und freute sich darauf, Ellie davon zu erzählen. Dann wurde ihm bewusst, dass sie nicht mehr da war, um ihm zuzuhören. Manchmal nahm er aus dem Augenwinkel eine Bewegung im Zimmer wahr und glaubte, sie mit einem Buch in der Hand durch die Tür kommen zu sehen. Doch es war nur eine Gardine, die sich leise im Wind bewegte.
   Er hatte gehofft, dass es mit der Zeit leichter werden würde, dass der Schmerz und die Leere verschwinden würden. Doch sie hatten es nicht getan. Er hatte sich ein Jahr gegeben, um all die ersten Male zu überstehen, die es nach ihrem Tod gab. Ihr erster Geburtstag, den sie nicht mehr erlebte, sein erster Geburtstag, den er ohne sie verbrachte, das erste Weihnachtsfest alleine, das er gar nicht feierte. Und schließlich ihr Todestag. Ein quälend langes Jahr, das ihm gezeigt hatte, dass das Leben ohne sie nicht mehr war als ein Dahinexistieren ohne Sinn und Hoffnung. Er hatte nicht die Absicht, dieses Dasein länger als nötig fortzuführen.
   George zog den Doppelknoten der Schlinge so fest zu, dass sich die Arthrose in seinen Gelenken meldete, und rollte das Seil auf seinem Schoß ordentlich zusammen. Die Lopez-Tochter kam keuchend an der Veranda vorbei und winkte. George hob die Hand zum Gruß. Armes Kind, noch keine zwei Meter gelaufen und schon außer Puste. Ob ihre Eltern sie zum Sport animierten? Oder vermeintliche Freundinnen, die ihr einredeten, dass sie abnehmen musste, um einem Jungen zu gefallen? Kinder in diesem Alter konnten grausam sein.
   Ihr kleiner Köter rannte kläffend die Verandastufen hinauf und schnappte nach dem Seilende. Kein Respekt vor dem Eigentum anderer Menschen, aber den hatte die Fußhupe ja noch nie gehabt. Unwillig streckte George einen Fuß aus und schob den Hund von sich.
   »Sally, komm her. Lass Mister Odenberg in Ruhe.«
   Sally verbiss sich im ausgefransten Seilende und warf knurrend den Kopf hin und her.
   »Sally, aus!« Die Lopez-Tochter eilte die Stufen hinauf, packte ihren Hund mit geübtem Griff und zog ihm das Seil aus dem Maul. »Es tut mir leid, sie ist manchmal etwas leidenschaftlich.«
   Distanzlos traf es wohl eher.
   Entschuldigend hielt sie ihm das tropfnasse Seilende entgegen. Ihr Blick folgte dem Seil bis zu der Schlinge, die zuoberst in seinem Schoß lag.
   »Was haben Sie denn da?«, fragte sie, obwohl ziemlich eindeutig war, worauf sie beide da hinunterblickten.
   »Ich probiere Knoten aus meiner Pfadfinderzeit aus, um zu sehen, an wie viele ich mich noch erinnere«, sagte George und stand auf.
   »Aha«, sagte sie, und es war offensichtlich, dass sie ihm nicht glaubte.
   Dass der Hund der Nachbarn im letzten Augenblick seinen Plan durchkreuzte, hatte gerade noch gefehlt. George verbarg das Seil hinter seinem Rücken und blickte böse zu dem kleinen Scheißer hinunter. Sally starrte zurück und knurrte.
   Sei froh, dass noch dein Frauchen zwischen dir und dem Hundehimmel steht.
   Sally hörte auf zu knurren, als hätte sie seine Gedanken erraten.
   Ganz genau. Bleib immer schön weg von dieser Veranda. Nicht, dass noch ein Unglück passiert.
   Sally bellte empört und wieselte an ihrem Frauchen vorbei die Treppe hinunter.
   George setzte ein Lächeln auf und hoffte, dass es natürlicher aussah als es sich anfühlte. Er war noch nie ein Experte in zwischenmenschlicher Kommunikation gewesen. Freundliche Smalltalk-Gespräche hatte er immer Ellie überlassen. Menschen schienen instinktiv zu spüren, dass sie stets ein offenes Ohr für alle Arten von Problemen hatte, und es war kaum jemals ein Tag vergangen, an dem sie nicht mit jemandem ins Gespräch gekommen waren, den sie eigentlich gar nicht kannten. Menschen und ihre Bedürfnisse hatten Ellie immer interessiert, und das war bis zum Schluss unverändert geblieben. Für ihn hingegen waren Menschen ein Buch mit sieben Siegeln, und dieses pummelige Mädchen, das ihn stirnrunzelnd ansah, bildete dabei keine Ausnahme.
   Ach, was soll’s.
   George knipste sein Lächeln wieder aus. Über der Veranda raschelte der Wind in den Baumkronen, und im Vorgarten von Miss Hartridge bimmelten leise die Windspiele. Er räusperte sich und legte das Seil auf die Bank, die Ellie und er vor mehr als 40 Jahren gekauft hatten.
   Sie hatte ja eh schon alles gesehen. Sollte sie doch denken, was sie wollte. Es spielte ohnehin keine Rolle mehr. Er hatte alles genau geplant, und nichts und niemand würde ihn noch davon abbringen. Wieder überkam ihn diese Ruhe, die nur jemand empfinden konnte, der sein langersehntes Ziel endlich unmittelbar vor sich hatte.
   »Wie viele Pfadfinder-Knoten gibt es denn so?«, fragte die Lopez-Tochter und sah ihn unverwandt an.
   Schnell überschlug er im Kopf, woran er sich nach all der Zeit noch erinnerte. »Ungefähr zwanzig.«
   »Aha«, sagte sie erneut, und es klang noch eine Spur skeptischer als beim ersten Mal. »Für zwanzig Knoten ist das aber ein ziemlich langes Seil.«
   Großer Gott, hatte dem Kind niemand beigebracht, dass man sich um seinen eigenen Kram kümmerte und andere Menschen in Ruhe ließ?
   »Wer hat gesagt, dass ich jeden Knoten nur einmal knüpfe?« Er drehte sich zur Verandatür und griff nach dem Türknauf.
   Das fröhliche Lied des Eiswagens erklang am Ende der Straße und näherte sich in gemächlichem Tempo. Früher hatte es immer die Vorbereitungen für ihr Mittagessen eingeläutet. Wer es zuerst hörte, rief »Eiswagen!« durchs Haus, und sie unterbrachen, was sie gerade taten, um auf ihren alten Füßen in die Küche zu laufen. Wer zuletzt ankam, musste sich um den Abwasch kümmern.
   Seit einem Jahr hasste George diese Melodie.
   Der Eiswagen hielt auf Höhe der Veranda und stellte den Motor ab. Ohne das laute Tuckern wirkte das Lied, das unbeirrt weiterdudelte, noch penetranter als zuvor. Der Fahrer stieg aus und lud aus dem hinteren Teil des Wagens mehrere Eiskisten aus, die er fein säuberlich auf eine Sackkarre stapelte.
   »Ich glaube, Sie sind hier falsch«, sagte George laut genug, um die Melodie zu übertönen. »Ich habe kein Eis bestellt.«
   »Ich weiß.« Der Fahrer lüpfte fröhlich seine Schirmmütze mit den blau-weißen Streifen. »Die Dunlops haben einige Liter Eis bestellt, sind aber nicht zu Hause. Darf ich die Lieferung bei Ihnen abgeben?«
   »Auf keinen Fall.«
   Hatte sich heute eigentlich alles gegen ihn verschworen? Erst der Hund, dann dieses neugierige Mädchen und nun der Eiswagen, der normalerweise immer nur vorbeifuhr und so gut wie nie etwas in ihrer Straße auslieferte.
   »Sie können es bei uns lassen«, sagte die Lopez-Tochter und deutete auf die andere Straßenseite. Unschlüssig klimperte sie mit dem Schlüsselbund.
   Nun geh schon. Sei ein gutes Kind, und kümmere dich um das Eis, bevor es schmilzt.
   Sie runzelte die Stirn und stieg zögernd die Treppe hinunter. Die nervige Sally flitzte aufgeregt um ihre Beine, während sie durch den Vorgarten zum Fahrer mit der Sackkarre gingen.
   George atmete aus und wollte sich erneut zur Verandatür umdrehen, als sein Blick auf die andere Straßenseite fiel. Harold stand vor dem gegenüberliegenden Haus am Briefkasten.
   Auch das noch.
   »Hey George, schön dich zu sehen.« Harold lächelte strahlend und winkte. »Was machst du gerade?«
   »Angeblich knüpft er Pfadfinderknoten«, antwortete die Lopez-Tochter, die gerade an ihm vorbeiging, obwohl sie niemand nach ihrer Meinung gefragt hatte.
   Harold zog die Augenbrauen zusammen. »Wann warst du denn bei den Pfadfindern?«
   »Da kannten wir uns noch nicht.«
   Unschlüssig verharrte Harold mit dem Stapel Post in der Hand neben seinem Briefkasten.
   Geh rein, Linda hat doch bestimmt schon das Mittagessen auf dem Tisch und wartet darauf, dass du gleich wieder da bist.
   Harold schloss die Klappe des Briefkastens und kam über die Straße auf ihn zu.
   Verdammt.
   George suchte hastig nach einem Ort, an dem er das Seil verstecken konnte. Die Sitzkissen auf der Bank hatte er bereits weggeräumt, und der große Blumenkübel stand zu nah an der Treppe, als dass er das Seil unbemerkt hineinwerfen konnte.
   Dann fiel ihm auf, dass er immer noch den Türknauf in der Hand hielt.
   Ja, natürlich.
   Er riss die Tür auf, warf das Seil hindurch und zog sie so schwungvoll wieder zu, dass der Türrahmen zitterte.
   »Ist alles in Ordnung?«, fragte Harold irritiert und blieb am Fuße der Treppe stehen.
   »Alles bestens, wieso?« George positionierte sich so, dass er das Fenster neben der Tür verdeckte.
   »Gab es da etwas, das ich nicht sehen sollte?«
   Harold und er kannten sich seit einer Ewigkeit und hatten nie Geheimnisse voreinander gehabt. Er würde merken, wenn er log.
   »Genau genommen ist es eine Überraschung.« Das war technisch gesehen nicht gelogen. »Aber jetzt ist noch nicht der richtige Zeitpunkt, um etwas zu verraten.«
   »Eine Überraschung? Etwa für unseren Hochzeitstag? Du kommst also doch?«
   Du lieber Himmel, war das diese Woche?
   George nickte und fühlte sich schlecht. Das hatte Harold nicht verdient. Aber verdammt nochmal, er konnte nicht auf alles Rücksicht nehmen.
   »Ich muss dann auch wieder. Du weißt ja, morgen ist der große Tag.«
   »Natürlich«, sagte Harold und klopfte mit seinem Poststapel aufs Treppengeländer. »Falls du noch etwas brauchst, lass es mich wissen.«
   George nickte und wartete, bis Harold über den Rasen zurück zur Straße gegangen war. Dann öffnete er die Tür gerade weit genug, um sich hindurchschieben zu können. Als er sie hinter sich schloss, rauschte das Blut in seinen Ohren.
   Vorsichtig spähte er durch das Fenster neben der Tür. Der Eiswagen fuhr in gemächlichem Tempo an Harold vorbei und hupte zum Abschied. Sein Freund jedoch stand reglos in der Mitte der Straße und blickte stumm zur Veranda zurück.

Heimwärts Voraus

Kapitel 2

Jenseits des geöffneten Garagentores stritten sich mehrere Spatzen um einen Sitzplatz am steinernen Vogelbecken. George hatte ein letztes Mal das Wasser und die Futterschale im Garten aufgefüllt, jedoch mehr für sich selbst als für sie. Sie würden zurechtkommen, so wie Tiere es immer taten.
   Er drückte auf den Schalter, und das Garagentor rollte ruckelnd und quietschend die Schienen entlang, bis es mit einem Seufzer den Boden erreichte. Vielleicht hätte er es für die neuen Eigentümer noch einmal ölen sollen. Andererseits hatten Ellie und er regelmäßig unterhaltsame Gespräche geführt, während sie auf Leitern standen und die Schienen reinigten. Sollten ihre Nachfolger ruhig zeitnah merken, was sie erwartete.
   George ging durch den Flur zur Waschküche. Sie war leer bis auf die Waschmaschine und den Trockner, die wie mit dem Makler besprochen im Haus verbleiben würden. Behutsam strich er über die glatte Oberfläche der Geräte, die mehr als 30 Jahre lang zuverlässig ihren Dienst verrichtet hatten und es voraussichtlich noch einmal genauso lange tun würden. Wer hätte gedacht, dass sie Ellie und ihn einmal überleben würden?
   Er folgte dem Flur zum Wohnzimmer mit der offenen Küche. Vorbei am Wandschrank, in dem Ellie die Handtücher und das Bügelbrett aufbewahrt hatte. Vorbei an der einst bis zur Decke gefüllten Vorratskammer, in der nun gähnende Leere herrschte. Vorbei an dem kleinen Raum, der ihr Arbeitszimmer gewesen war und den er seit ihrem Tod nicht mehr betreten hatte.
   In der Küche blieb er stehen. Seine Hand glitt über die Schränke und Regale, über den Ofen, in dem so viele Kuchen gebacken worden waren, und über die Arbeitsplatte – sein erstes Projekt, nachdem sie eingezogen waren. Er hatte Wochen gebraucht, um die unterschiedlichen Holzarten so zurechtzuschneiden, dass sie sich nahtlos ineinanderfügten. Selbst heute konnte er noch die Stellen erkennen, die ihm nicht gut gelungen waren. Ellie jedoch war rundum begeistert gewesen, und das war das Wichtigste.
   George trat ans Fenster und prüfte ein letztes Mal den Füllstand des Schälchens auf dem Fensterbrett. Es war bis zum Rand mit Haselnüssen gefüllt, und in der Mitte thronte eine stolze Walnuss. Das Eichhörnchen, das in einem der umliegenden Gärten lebte und neuerdings seine Familie mit zum Futterplatz brachte, würde sich damit einen Vorrat für mehrere Monate anlegen können. Vielleicht würde in ihrem Garten eines Tages ein stolzer Walnussbaum stehen.
   Er umrundete den Küchentresen und blieb in der Mitte des Wohnzimmers stehen. Durch die gläserne Terrassentür konnte er den Holzzaun am Ende des Gartens sehen, den er vor einigen Wochen ein letztes Mal gestrichen hatte. Durch die Scheibe dröhnte der Rasenmäher von Mister Hodges, und hinter dem Zaun schwebte sein Sonnenhut vorbei, während er wie immer um diese Uhrzeit den Rasen mähte. Manche Dinge änderten sich nie.
   George grub die Zehen in den flauschigen Teppich. An den Abdrücken konnte man selbst jetzt noch genau erkennen, wo so viele Jahre lang das Sofa und die deckenhohen Bücherschränke gestanden hatten.
   Helle Flecken an der Wand neben dem Kamin erinnerten an all die Bilder, die hier einst gehangen hatten. Beim Gedanken an sie musste er lächeln. Sie hatten so vieles gemeinsam erlebt, so viele wunderbare Erinnerungen geschaffen. Es war eine gute Zeit gewesen. Viel zu kurz für seinen Geschmack, auch wenn Ellie das sicherlich anders sah.
   George, würde sie sagen, wir hatten mehr gemeinsame Jahre als viele andere Menschen. Sei dankbar für das, was gewesen ist, und nicht traurig wegen dem, was nicht sein wird.
   Sie hatte recht, rein logisch betrachtet wusste er das. Sie hatten mehr als fünf Jahrzehnte miteinander verbracht, und er hätte keinen einzelnen Tag davon eingetauscht.
   Natürlich war nicht immer alles harmonisch gewesen. Gerade in jüngeren Jahren hatten ihre doch sehr gegensätzlichen Temperamente durchaus zu manchen Diskussionen geführt. Doch sie hatten in all der Zeit niemals einen Tag im Streit beendet. Was auch immer zwischen ihnen stand, besprachen sie so lange, bis es ausgeräumt war, selbst wenn es bedeutete, dass sie bis in die frühen Morgenstunden wach blieben. Er erinnerte sich an ihr helles Lachen, als sie einmal im fahlen Licht der Morgensonne die Augen schlossen und zwei Sekunden später der Wecker klingelte.
   Dieses Lachen. Es hatte immer alles in die richtige Perspektive gerückt, unabhängig davon, wie dunkel ein Tag gewesen war. Wenn Ellie lange genug lachte, brach am Ende immer die Sonne durch.
   Seit einem Jahr lachte in diesem Haus niemand mehr. In den ersten Monaten hatte er ihre Stimme noch hier und dort in den Zimmern vernommen. Ein Streich, den ihm sein Gehirn spielte, und doch hatte es etwas Tröstliches gehabt. Sie war noch dagewesen, in den Wänden, in der Luft, überall um ihn herum. Doch mit der Zeit hatte er sie immer seltener gehört. Ihre Stimme war leiser und leiser geworden, bis sie schließlich endgültig verstummt war.
   Er war es leid, dieses Leben ohne sie. Wenn er ehrlich zu sich selbst war, verbrachte er die Tage nur noch mit Warten. Darauf, dass es endlich spät genug war, um ins Bett gehen zu können und zu beten, dass er nicht wieder mit offenen Augen in der Dunkelheit lag bis der Morgen anbrach. Bis er endlich einen weiteren Tag hinter sich gebracht hatte.
   Er hatte lange mit sich gehadert, sich gefragt, ob er es nicht jemandem schuldete durchzuhalten und weiterzumachen. Doch wem? Gott? Dem Universum? Sich selbst? Wofür sollte er sich weiterhin durch ein Dasein quälen, in dem die Leere mit jedem weiteren Tag größer wurde?
   Er hatte beschlossen, nicht weiter zu warten. Nicht darauf, dass das Leben wieder leichter wurde, und nicht darauf, dass auf schicksalhafte Weise etwas geschah, das alles veränderte. Solche Dinge passierten in Filmen oder in Büchern, aber nicht im wirklichen Leben.
   Das Seil lag in einem verschlungenen Haufen auf dem Teppich. Er hob es auf und trug es zu dem kleinen Tisch, der als letztes verbliebenes Möbelstück im Haus ein wenig verloren wirkte.
   Was macht ein Tisch wie du an einem Ort wie diesem, dachte er und musste beinahe lachen.
   Trotz der Ernsthaftigkeit hatte die gesamte Situation doch etwas Amüsantes. Auf gewisse Weise.
   Er kletterte vorsichtig hinauf und ignorierte das Ächzen des Holzes unter seinem Gewicht. Dass der Tisch unter ihm zusammenbrach, bevor der richtige Zeitpunkt gekommen war, hätte gerade noch gefehlt.
   Er stellte sich auf die Zehenspitzen und befestigte das Seil an dem Schwergewicht-Haken, den er vor einigen Tagen an der Decke montiert hatte. Das Seilende war noch feucht und roch nach nassem Hund. George zog den letzten Doppelknoten fest und unterdrückte den Drang vom Tisch zu steigen und sich im Badezimmer die Hände zu waschen.
   Im Kopf ging er ein letztes Mal die Details durch. Der Brief mit den Anweisungen lag unter der Türmatte, wo der Makler morgen nach dem Schlüssel suchen würde. Das Haus war leergeräumt und bis in den letzten Winkel gereinigt. Sein Testament war bei Harold und Linda hinterlegt. Er konnte sich guten Gewissens aus einem Leben verabschieden, mit dem er schon vor einem Jahr abgeschlossen hatte.
   Die Schlinge war ihm rein optisch sehr gut gelungen. Die nächsten Minuten würden zeigen, ob sie auch funktionell überzeugte. Er legte sie sich um den Hals und drehte das Seil, bis der Knoten hinter seinem Kieferknochen lag. Irgendwo hatte er einmal gelesen, dass der Knoten einer Schlinge seitlich am Hals sitzen musste, wenn man erfolgreich sein wollte. Er hatte nicht vor, auf dem letzten Stück an einer Kleinigkeit zu scheitern.
   Er schob den Knoten nach unten, so dass sich die Schlinge um seinen Hals zusammenzog. Sie fühlte sich an der dünnen Haut weicher an, als er erwartet hatte. Vielleicht hätte er doch ein robusteres Seil nehmen sollen. Auf Abschürfungen kam es an diesem Punkt schließlich auch nicht mehr an.
   George schloss die Augen und atmete ein paarmal tief ein und aus. Der Holztisch unter seinen Füßen kippelte leicht.
   Woran wollte er denken? Was sollte das letzte Bild sein, das ihm durch den Kopf ging? Konnte man das überhaupt bewusst steuern? Hieß es nicht immer, das ganze Leben würde im Augenblick des Todes an einem vorüberziehen? Was, wenn man etwas sah, an das man sich eigentlich gar nicht erinnern wollte, und wenn dieser Augenblick auch noch ganz am Schluss lag, so dass er das letzte war, was man sah, bevor man über die Schwelle trat?
   George öffnete die Augen.
   Das ist doch verrückt. Natürlich kann ich es steuern.
   Er beschwor Ellies Gesicht herauf. Die kleinen Fältchen um ihre Augen, das lebensfrohe Lachen, das ihr gesamtes Gesicht leuchten ließ.
   Na bitte.
   Er schloss erneut die Augen. Er war bereit. Vorsichtig schob er die Füße bis zur Außenkante des Tisches und begann, von einer Seite zur anderen zu kippeln.
   Ein lautes Klopfen an der Eingangstür nur wenige Meter vor ihm durchbrach die Stille. Ellies Bild verpuffte, und George öffnete die Augen.
   Wer zum Teufel war das?
   Er stand mucksmäuschenstill. Die Schlinge zog an seinem Hals, und die Muskeln in seinen Beinen zitterten.
   Es klopfte erneut.
   War Harold noch einmal zurückgekommen, weil ihm sein Verhalten doch merkwürdig vorgekommen war? Hatte der Fahrer des Eiswagens ein Paket vergessen? Hatte sich der Makler im Tag geirrt?
   George starrte auf das Fenster neben der Tür. Er hatte nicht bedacht, dass im entscheidenden Augenblick jemand auf der Veranda stehen und hineinsehen konnte. Das Fenster war schmal, aber war es auch schmal genug, dass der Tisch im toten Winkel stand? Er wusste es nicht, aber eigentlich machte es auch keinen Unterschied. Die Tür war abgeschlossen, und selbst wenn ihn jemand sah, würde er nicht rechtzeitig ins Haus kommen, um seinen Plan zu durchkreuzen.
   Ellie.
   George beschwor ihr Gesicht erneut herauf und konzentrierte sich auf seine Füße. Einatmen, ausatmen. Tisch nach links, Tisch nach rechts.
Das Klingeln der Türglocke zerriss die Stille. Einmal, zweimal, dreimal.
   Verdammt nochmal.
   George zerrte sich fluchend die Schlinge über den Kopf und sprang vom Tisch. Ein stechender Schmerz fuhr durch seine Fußgelenke, als er auf dem Teppich aufkam. Humpelnd eilte er zur Tür und riss sie auf.
   Die Veranda war leer.
   George blinzelte in die helle Sommersonne. Die Straße war verwaist, niemand spazierte den Gehweg entlang, goss die Blumen im Vorgarten oder stieg in ein Auto. Es war beinahe zu still. Als würde die Welt den Atem anhalten und gespannt darauf warten, was er als nächstes tat.
   Er runzelte die Stirn. Hatte er sich das Klopfen und Klingeln nur eingebildet? War es möglich, dass die Schlinge die Sauerstoffzufuhr zum Gehirn abgeklemmt und dadurch Halluzinationen verursacht hatte?
   George machte einen Schritt nach vorne und stolperte über etwas, das direkt vor seinen Füßen lag. In Zeitlupe streckte er eine Hand nach dem Geländer aus, um den Sturz abzufangen. Seine Finger rutschten am Holz entlang und rissen sich kleine Splitter ein, die wie tausend winzige Nadeln stachen. Krachend ging er zu Boden.
   Benommen und mit klopfendem Herzen saß er auf den Dielen der Veranda.
   Das war knapp.
   Beinahe wäre er mit dem Kopf auf dem Geländer aufgeschlagen und hätte sich das Genick gebrochen. In Anbetracht der Gesamtsituation entbehrte es nicht einer gewissen Ironie.
   George drehte sich nach dem Objekt um, das ihn zu Fall gebracht hatte. Auf der Türmatte lag ein Paket. Klein genug, dass er es übersehen konnte, und doch groß genug, um beinahe seinen Tod zu verursachen.
   Es war sorgfältig in braunes Packpapier eingeschlagen und trug weder eine Briefmarke noch einen Absender. Mit schwarzem Edding hatte jemand seinen Namen und die Adresse auf die Oberseite geschrieben. Von seiner Position aus stand die Anschrift auf dem Kopf, doch die Schrift war ihm so vertraut, dass er sie selbst durch einen Spiegel und im Halbdunkeln wiedererkannt hätte.
   Es war Ellies Handschrift.
   Er beugte sich vor und zog das Paket mit den Fingerspitzen zu sich, bis er es mit beiden Händen zu fassen bekam. Als er es anhob, rutschte etwas im Inneren von einer Seite zur anderen.
   George spähte durch die Streben des Geländers auf die Straße. Sie lag unverändert verlassen da, doch irgendjemand war hier gewesen. Ob er sich irgendwo versteckte und ihn beobachtete? Er suchte in den umliegenden Hecken und Bäumen nach einem verdächtigen Zipfel. Weit und breit regte sich nichts.
   Mühsam stand er auf. Die Schmerzen in den Händen und Füßen ignorierend, ging er zur Bank und sank auf die Sitzfläche. Er saß an derselben Stelle wie zuvor, umgeben von denselben Häusern in derselben Straße. Selbst das einsame Wölkchen am Himmel hing noch an genau derselben Stelle wie zuvor. Und doch wirkte mit einem Mal alles anders.
   George wickelte das Packpapier auseinander und öffnete das Paket.

Heimwärts Voraus

Kapitel 3

Zuoberst lag eine Schicht aus braunem Packpapier. Was auch immer in diesem Paket war, war etwas, von dem Ellie gewollt hatte, dass er es bekam, wenn sie nicht mehr da war. Der Gedanke war gleichzeitig bedrückend und tröstlich. Ein allerletzter Gruß, nach dem es keine weiteren mehr geben würde. Sollte er ihn sich vielleicht aufheben? Schließlich konnte man einen Moment wie diesen nur ein einziges Mal erleben. Wann war der richtige Zeitpunkt, um ein solches Geschenk zu öffnen?
   George wischte sich die feuchten Hände an der Hose ab, nahm das Packpapier heraus und ließ es zu Boden fallen.
   Vor ihm lag ein Buch.
   Zwei stabile Pappdeckel schützten einen Stapel loser Seiten, der sorgsam gelocht und mit einer Ringbindung versehen worden war. Zwei Stoffbänder an den Deckeln waren zu einer Schleife gebunden, die das Buch verschlossen hielt. George hob das Kunstwerk vorsichtig aus dem Karton und legte es in seinen Schoß.
   Er erkannte den Stoff der Schleifenbänder wieder, der einst zu Ellies Lieblingshalstuch gehört hatte. Jahrelang hatte sie es zu allen erdenklichen Anlässen getragen und stoisch erduldet, dass er sie liebevoll damit aufzog – bis eines Abends die Funken eines Lagerfeuers so viele Löcher hineingebrannt hatten, dass sie es nicht mehr hatte tragen können. Doch hier war es wieder.
   Behutsam löste George die Schleife und klappte den Buchdeckel auf. Unter seinen Händen entfaltete sich ein kleines Wunder.
   Es war ein Buch wie jenes, von dem sie einander an den langen Sommerabenden ihrer Kindheit erzählt hatten, wenn sie im Garten von Ellies Eltern im Zelt lagen und mit den Taschenlampen Schattenbilder malten. Ein Buch, das sie eines Tages zusammen schreiben würden und das sämtliche Antworten auf all die Fragen enthalten würde, die jedes Kind hatte und kein Erwachsener beantworten konnte. Ein Zauberbuch mit handgeschriebenen Texten, ausgeklügelten Zeichnungen und Schatzkarten, auf denen die geheimsten aller Orte verzeichnet waren.
   Mit offenem Mund blätterte George durch die Seiten. Es war alles da. Texte geschrieben mit Tinte in unterschiedlichen Farben. Kunstvoll eingeklebte Zettel mit Erläuterungen, die man auseinanderfalten musste. Landkarten, auf denen Strecken eingezeichnet und bestimmte Punkte markiert waren. Sie hatte sogar an die eine oder andere Zeichnung gedacht. Er strich über die dünnen Linien und erinnerte sich an etwas, das sie nach einem Arbeitstag einmal gesagt hatte.
   »Sieh dir das an.« Sie hatte auf drei kleine Zeichnungen gedeutet, die mit Magneten am Kühlschrank befestigt waren. »Weißt du, was das sein soll?«
   George kniff die Augen zusammen und trat näher heran in der Hoffnung, in den ungelenken Kritzeleien ihrer Grundschüler etwas erkennen zu können. Es war zwecklos.
   »Ich erkenne rein gar nichts.«
   »Ich auch nicht«, lachte sie und betrachtete liebevoll die undefinierbaren Linien und Farben. »Aber sie sehen schön aus, findest du nicht?«
   George war sich nicht sicher, ob er ehrlich darauf antworten sollte.
   Sie schlug ihm in gespielter Empörung auf den Oberarm. »George Odenberg, sei nicht immer so ein Griesgram. Diese Kinder haben Freude am Malen, und was dabei herauskommt, ist zweitrangig. Der Weg ist das Ziel.«
   Ob sie auch eine derartige Freude beim Zeichnen empfunden hatte? Er konnte sie beinahe vor sich sehen, wie sie am Küchentisch saß und Papier und Stifte um sich herum ausgebreitet hatte. Oder hatte sie das Buch erst kurz vor ihrem Tod erstellt? Nun sah er sie mit Schere und Klebestift an das Kopfkissen gelehnt im Bett sitzen und lauthals zu einem ihrer Lieblingslieder im Radio mitsingen.
   Wie lange hatte sie daran bloß gesessen? Und wie konnte es sein, dass er die ganze Zeit über nichts bemerkt hatte?
   Wo war ich nur?
   Er blätterte zurück zum Anfang. Die ersten Seiten enthielten handgeschriebene Worte in der vertrauten Schrift, die er so lange vermisst hatte. Er holte tief Luft und begann zu lesen.

   Mein liebster George,
   wenn Du diese Zeilen liest, ist alles so gekommen wie ich es geplant habe, und Du hältst unser Buch in den Händen, über das wir so oft gesprochen haben, als wir noch klein waren. Erinnerst Du Dich? Es mag nicht alle Antworten der Welt enthalten, aber – so hoffe ich zumindest – doch einige für Dich. Ich weiß, wir hatten damals vor, es gemeinsam zu schreiben, aber das war aufgrund der Umstände leider nicht möglich. Sieh es als Arbeitsteilung – ich habe es erstellt, und Du wirst es leben. Zumindest hoffe ich das.
   Ich weiß, dass Du Überraschungen nicht magst, und mir ist bewusst, dass dies mit Abstand die größte ist, die ich Dir jemals zugemutet habe. Doch wenn Dich dieses Buch erreicht, bedeutet das, dass sie dringend notwendig ist.
   Hättest Du nach vorne gesehen und weitergemacht, so wie ich es mir gewünscht habe, wäre dieses Paket niemals losgeschickt worden. Du hast Dich selbst in diese Situation gebracht, und es ist an der Zeit, die Augen zu öffnen und der Wahrheit ins Gesicht zu sehen.
   Ich bin gestorben, George, und ich werde auch nicht mehr zurückkommen. Ich bin nicht in den Orten oder in den Dingen, die Dich an mich erinnern. Du brauchst Dich nicht an sie zu binden, nur um mir nahe zu sein. Sie sind nichts als Ballast, der Dich an die Vergangenheit kettet und es Dir unmöglich macht vorwärts zu gehen.


   George hielt inne. Was sollte das heißen, er war in der Vergangenheit hängengeblieben? Was hatte sie denn erwartet? Sollte er so tun, als hätte es ihr gemeinsames Leben nicht gegeben und als wäre ihm nicht jeden Tag schmerzlich bewusst, wie sehr sie ihm fehlte? Er blätterte um.

   Ich bin dankbar dafür, dass ich zuerst gehen durfte. Ich kann mir kaum vorstellen, wie es für mich wäre, mein Leben ohne Dich verbringen zu müssen. Wäre es so, als hätte man Dich aus sämtlichen Fotos in unseren Fotoalben herausgeschnitten, und würde mich Deine leere Silhouette im Alltag überallhin begleiten?
   Ich bin mir nicht sicher, aber eines weiß ich genau. Du hast Dir genug Zeit zum Trauern genommen, vielleicht sogar zu viel, und Du bist in dieser Trauer immer weiter versunken, bis Du Dich aus dem Loch, das Du Dir gegraben hast, nicht mehr aus eigener Kraft befreien konntest. So ist es doch, habe ich recht?


   George wischte sich mit dem Handrücken eine Träne von der Wange.

   Wir kennen uns seit 64 Jahren, und ich bin unendlich dankbar für die Zeit, die wir zusammen hatten. Es ist ein Geschenk, gemeinsam alt werden zu dürfen. Ich liebe Dich, und das werde ich immer tun. Doch hier und heute gibt es zwischen uns beiden einen entscheidenden Unterschied. Ich bin nicht mehr da, doch Du bist am Leben. Und dieses Leben ist wertvoll, George – wirf es nicht weg, nur weil ich nicht mehr ein Teil davon bin.
   Ich weiß, es macht Dir Angst. Ich weiß, es macht Dich zornig. Ich weiß, dass Du mit dem Schicksal haderst, so wie Du es immer getan hast, wenn etwas anders lief, als Du es Dir erhofft hast. Doch Du kannst die Vergangenheit nicht ändern, und Dein Zorn bringt mich nicht zurück. Lass nicht zu, dass er das Leben vergiftet, das noch vor Dir liegt.
   Und hiermit komme ich zum eigentlichen Grund dieses Buches (entschuldige, ich bin zuvor etwas abgeschweift).


   George lachte und wischte sich eine weitere Träne von der Wange.

   Ich möchte, dass Du auf eine Reise gehst. Sieh es als Ritual, mit dem Du Dein altes Leben abschließt, damit ein neues beginnen kann.
   In diesem Buch sind Orte versteckt, die Dir dabei helfen werden, alles wieder in die richtige Perspektive zu rücken. Es sind Orte, die Du kennst, auch wenn sie sich vielleicht in der Zwischenzeit verändert haben. Ich hoffe, dass sie Dir den Frieden geben, den Du seit meinem Tod gesucht hast.
   Folge den Hinweisen und sei offen für alles, was Dir auf Deinem Weg begegnet.
   Wenn es so läuft, wie ich hoffe, wirst Du mich am Ende der Reise loslassen können.
   Dein Weg in Dein neues Leben beginnt genau hier.


   Ein geschwungener Pfeil verlief vom Satzende zu einem kleinen eingeklebten Briefumschlag. George öffnete ihn und zog ein Kärtchen mit einer Adresse und einer Uhrzeit heraus. Das Datum darunter war der morgige Tag.

   Ich hoffe, Du wagst Dich auf diese Reise ins Unbekannte. Sei so mutig, wie Du es damals im Spukschloss gewesen bist. Oder auf dem Leuchtturm. Erschaffe neue Erinnerungen.
   Ich bin mir sicher, dass wir uns eines Tages wiedersehen werden und Du mir von all den Dingen erzählen wirst, die Du erlebt hast. Aber erst dann, wenn Deine Zeit gekommen ist.
   Ich werde da sein und auf Dich warten, egal wie lange es dauert.
   Ich liebe Dich. Und wenn Du mich auch liebst, dann lass mich gehen. Es ist an der Zeit.
   Lebe. Für mich.
   Ellie


   Die schnörkeligen Linien verschwammen vor seinen Augen. Eine Träne tropfte auf die Seite und ließ eine lilafarbene Tinten-Blume erblühen. Hastig tupfte er sie mit dem Ärmel seines Hemdes weg, bevor sich die Feuchtigkeit ausbreiten konnte.
   Behutsam klappte er das Buch zu und band die Schleife wieder zusammen. Sie sah nicht so schön aus wie zuvor, als Ellie sie gebunden hatte, aber mehr konnte man von seinen arthritischen Wurstfingern auch nicht erwarten.
   Er musste nachdenken. Womöglich gründlicher als er es je zuvor getan hatte.

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